
Psychedelika: Angermayer schafft Milliardendeal mit Eli Lilly
Eli Lilly kauft AtaiBeckley für bis zu 3,8 Mrd. US-Dollar – Psychedelika erreichen die Pharma-Liga. Nur rund ein Jahr nach der Fusion von atai Life Sciences und Beckley Psytech übernimmt Eli Lilly das daraus entstandene Unternehmen AtaiBeckley. Der US-Pharmakonzern zahlt 2,8 Mrd. US-Dollar sofort und stellt weitere Meilensteinzahlungen von bis zu 1 Mrd. US-Dollar in Aussicht. Die Transaktion gehört zu den größten Deals, die bislang im Bereich psychedelischer Arzneimittel abgeschlossen wurden.
Psychedelika treten auf die ganz große Bühne. Ein Jahr nach der Fusion von Christian Angermayers atai Life Sciences und Beckley Psytech übernimmt Eli Lilly das daraus entstandene Unternehmen AtaiBeckley. Der US-Pharmakonzern zahlt 2,8 Mrd. US-Dollar sofort, weitere Meilensteinzahlungen von bis zu 1 Mrd. US-Dollar können noch folgen. Die Transaktion könnte ein Signal dafür sein, dass der Bereich der psychedelischen Arzneimittel endgültig im Mainstream der Pharmaindustrie angekommen ist.
Die Grundlage für die Übernahme wurde bereits im Juni 2025 gelegt. Damals kündigten das (damals noch) Berliner Unternehmen atai Life Sciences und das britische Beckley Psytech ihren Zusammenschluss an. Ziel war es, einen führenden Entwickler schnell wirkender psychedelischer Therapien gegen schwere psychische Erkrankungen zu schaffen. Herzstück der Transaktion war Beckleys Wirkstoff BPL-003, eine intranasale Formulierung von 5-MeO-DMT zur Behandlung therapieresistenter Depressionen. Mit der Fusion gingen einige große Kapitalmaßnahmen einher, zudem wurde auch eine Verlagerung des Hauptsitzes nach Amsterdam, Niederlande, vorgenommen.
Klinische Daten der Phase II überzeugten
Wenige Monate später lieferte BPL-003 die erhofften Daten. In einer Phase IIb-Studie zeigte der Kandidat statistisch signifikante Verbesserungen bei Patienten mit therapieresistenter Depression bereits ab dem zweiten Behandlungstag. Besonders wichtig für die spätere Vermarktung: Die meisten Patienten konnten nach etwa 90 Minuten die Klinik wieder verlassen. Damit könnte sich die Therapie deutlich einfacher in bestehende Versorgungsstrukturen integrieren lassen als andere psychedelische Ansätze.
Genau diese Kombination aus klinischer Wirksamkeit und praktikabler Anwendung dürfte für Lilly ausschlaggebend gewesen sein. Der Pharmakonzern erhält mit BPL-003 einen Kandidaten, der direkt auf den Markt für therapieresistente Depressionen zielt, der bislang vor allem von Johnson & Johnsons Esketamin-Präparat Spravato geprägt wird. Zusätzlich übernimmt Lilly mit VLS-01 einen weiteren DMT-basierten Wirkstoffkandidaten, der als bukkaler Film entwickelt wird.
Öffnet sich das regulatorische Fenster?
Der Deal fällt in eine Phase, in der sich die regulatorischen Aussichten für psychedelische Arzneimittel wieder aufhellen. Zwar hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA im vergangenen Jahr die Zulassung des MDMA-Programms von Lykos Therapeutics abgelehnt. Gleichzeitig signalisieren die Behörde und zahlreiche Investoren weiterhin Offenheit für wissenschaftlich sauber entwickelte Psychedelika-Programme.
Insbesondere bei Depressionen und anderen schweren psychiatrischen Erkrankungen wächst der Druck, neue Therapieansätze zu entwickeln. Die positive Aufnahme von Spravato sowie die Fortschritte bei DMT- und Psilocybin-basierten Kandidaten haben gezeigt, dass psychedelische Wirkstoffe unter kontrollierten Bedingungen klinischen Nutzen entfalten können. Branchenbeobachter sehen deshalb ein regulatorisches Zeitfenster, in dem große Pharmaunternehmen beginnen, sich strategisch zu positionieren.
Europa entwickelt sich dagegen zurückhaltender. Zwar laufen auch hier klinische Studien mit Psilocybin-, DMT- und MDMA-basierten Ansätzen, doch ein klarer regulatorischer Rahmen wie in den USA fehlt bislang. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat bisher keine psychedelische Therapie zugelassen. Gleichzeitig gewinnen die Programme großer Unternehmen und akademischer Zentren in Großbritannien, Deutschland und der Schweiz an Bedeutung.
Was bleibt von der ursprünglichen atai-Pipeline?
Bemerkenswert ist, dass Lilly offenbar nicht wegen der historischen atai-Pipeline zugreift. Als das Unternehmen 2018 von Christian Angermayer mitgegründet wurde, verfolgte es einen breit diversifizierten Ansatz mit Beteiligungen an zahlreichen Programmen und Plattformen im Bereich psychedelischer und nicht-psychedelischer Psychiatrie.
Zu den bekanntesten Projekten gehörten RL-007 gegen kognitive Einschränkungen bei Schizophrenie, VLS-01 von Viridia Life Sciences, das Ibogain-Derivat DMX-1002 sowie verschiedene Programme im Bereich digital unterstützter Psychedelika-Therapien. Mehrere frühe Beteiligungen wurden inzwischen eingestellt, ausgegliedert oder strategisch neu ausgerichtet.
Im Mittelpunkt des Lilly-Deals stehen stattdessen die Beckley-Programme BPL-003 und VLS-01. Die an die Aktionäre geknüpften Meilensteinzahlungen beziehen sich ausschließlich auf diese beiden Kandidaten. Das deutet darauf hin, dass Lilly vor allem die DMT-Plattform und deren Potenzial im Markt für therapieresistente Depressionen bewertet hat.
Die zweite Welle bringt die Wende
Im Bereich der Psychedelika neuerer Versionen kann man fast lehrbuchhaft unterschiedliche Phasen ausmachen, die diese Wirkstoffansätze auf das Radar der Pharmaindustrie gehoben haben:
- Erste Welle (2018–2023): Viele Start-ups entstanden mit der Vision, klassische Psychedelika in die Psychiatrie zu bringen (atai, Compass, MindMed, GH Research, Cybin und weitere).
- Konsolidierung (2024–2025): Nach Rückschlägen wie der FDA-Ablehnung von Lykos und der Finanzierungskrise verschwanden viele Programme oder wurden zusammengelegt. Atai fusionierte mit Beckley, weil Beckley den klinisch stärksten Kandidaten hatte.
- Zweite Welle (2026): Big Pharma steigt ein – allerdings nicht in den gesamten Psychedelika-Markt, sondern sehr selektiv in Programme, die klinisch, regulatorisch und kommerziell realistisch erscheinen.
Für atai-Gründer Angermayer erfüllt die Übernahme dennoch eine zentrale strategische Vision. Das Unternehmen war mit dem Anspruch gestartet, die führende Plattform für psychedelische Arzneimittel aufzubauen. Mit dem Verkauf an einen der weltweit größten Pharmakonzerne dürfte dieser Anspruch nun zumindest finanziell bestätigt sein. Ob die psychedelische Psychiatrie tatsächlich den Sprung in den Massenmarkt schafft, werden allerdings erst die kommenden Phase III-Studien und die Entscheidungen der Aufsichtsbehörden zeigen.
Psychedelische Arzneimittel: Wer ist im Rennen?
| Unternehmen | Wirkstoff/Ansatz | Indikation | Entwicklungsstand |
|---|---|---|---|
| Johnson & Johnson | Spravato® (Esketamin) | Therapieresistente Depression (TRD), schwere Depression mit Suizidalität | Einzige breit etablierte psychedelikanahe Therapie auf dem Markt. Das intranasale Ketamin-Derivat dient heute als Referenz für alle neuen Programme. Patienten müssen nach der Gabe rund zwei Stunden überwacht werden. |
| Eli Lilly / AtaiBeckley | BPL-003 (intranasales 5-MeO-DMT) | Therapieresistente Depression | Positive Phase IIb-Daten. Die Behandlung dauert nur etwa 90 Minuten und könnte damit einfacher in bestehende Versorgungsstrukturen integriert werden als Spravato. Mit der Übernahme erhält Lilly zusätzlich VLS-01, einen DMT-Film zur Anwendung über die Mundschleimhaut. |
| Compass Pathways | COMP360 (synthetisches Psilocybin) | Therapieresistente Depression | Fortgeschrittenes Phase III-Programm. Compass gilt als einer der führenden Psilocybin-Entwickler und könnte nach Spravato den nächsten großen Zulassungsanlauf in der Psychiatrie unternehmen. |
| Cybin | CYB003 (deuteriertes Psilocybin) | Schwere Depression | Phase II. Durch chemische Modifikationen soll die Wirksamkeit erhalten, gleichzeitig aber Dauer und Steuerbarkeit der psychedelischen Erfahrung verbessert werden. |
| MindMed | MM120 (LSD) | Generalisierte Angststörung (GAD), weitere Angststörungen | Nach positiven Phase II-Daten inzwischen in Phase III. Anders als viele Wettbewerber setzt MindMed auf LSD statt Psilocybin oder DMT. |
| GH Research | GH001 (inhalatives 5-MeO-DMT) | Therapieresistente Depression | Fortgeschrittene klinische Entwicklung. Der inhalative Ansatz soll eine besonders kurze, gut steuerbare Behandlung ermöglichen und konkurriert damit direkt mit BPL-003. |
| Lykos Therapeutics | MDMA-gestützte Psychotherapie | Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) | Die FDA verweigerte 2024 die Zulassung und forderte zusätzliche Daten. Das Programm gilt dennoch weiterhin als richtungsweisend für die Kombination aus Psychedelika und Psychotherapie. |

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